Durchsetzungsfähigkeit im Job, Frauen in männerdominierten Strukturen und die Herausforderung, als Frau im Job ernst genommen zu werden: Cornelia Schlögl kennt diese Themen aus eigener Erfahrung. Mit mehr als 20 Jahren Führungspraxis in leitenden Funktionen – darunter als Head of Human Resources und im Financial Management – unterstützt sie Frauen dabei, sich klarer zu positionieren, ihre Wirkung zu stärken und sich aus der oft hinderlichen Nettigkeitsfalle zu befreien. Ihr Ansatz: souverän führen, wirksam kommunizieren und Präsenz zeigen, ohne die eigene Persönlichkeit aufzugeben.
Mit ihrem Buch „Schluss mit nett – Führung braucht Eierstöcke!“, das bereits vorbestellbar ist, setzt sie genau hier an.
Im Interview erklärt Cornelia Schlögl, warum sich viele Frauen in Führungspositionen zu stark anpassen, welche Dynamiken in männerdominierten Strukturen dabei eine Rolle spielen und wie Frauen lernen können, im Job ernster genommen zu werden und ihren Führungsstil selbstbewusst zu leben.

Inhaltsverzeichnis
Woran merken Frauen im Berufsalltag oft zuerst, dass es nicht nur um Leistung geht, sondern auch darum, als Frau im Job ernst genommen zu werden?
Cornelia Schlögl: Viele Frauen merken das nicht sofort. Das dauert manchmal sehr lang. Am Anfang gehen sie oft davon aus, dass gute Arbeit reicht. Dass Leistung gesehen wird und sich durchsetzt. Und dann kommen irgendwann diese ersten Momente, die irritieren.
Wenn sie merken, dass andere mehr Raum bekommen. Dass Ideen woanders aufgegriffen werden, oder dass sie selbst gar nicht in den entscheidenden Runden sitzen. Und genau da wird oft schnell der Schluss gezogen: Ich werde nicht gehört, ich leiste und die anderen ziehen die Erfolge auf sich. Aber wenn man ehrlich hinschaut, ist es oft differenzierter.
Ja, es gibt Strukturen und Dynamiken, die nicht immer fair sind. Aber gleichzeitig erlebe ich auch, dass viele Frauen ihre Gedanken gar nicht klar aussprechen oder nicht an den Stellen platzieren, wo sie Wirkung entfalten könnten. Oder sie leisten im Hintergrund sehr viel Vorarbeit, sind aber dort nicht sichtbar, wo entschieden wird. Und dann entsteht dieses Gefühl, übergangen zu werden. Nicht immer, weil andere sie bewusst ausschließen. Sehr oft, weil man sich selbst nicht in den Raum bringt.
Denn genau da liegt auch der Hebel. Es reicht nicht, gute Arbeit zu leisten. Die Frau muss auch lernen, sich damit sichtbar zu machen, an den richtigen Stellen und im richtigen Moment. Und erst wenn beides zusammenkommt, entsteht echte Wirkung.

Welche Mechanismen erleben Sie besonders häufig in männerdominierten Strukturen, wenn Frauen klar auftreten, widersprechen oder führen wollen?
Cornelia Schlögl: Was ich oft erlebe, sind keine offenen Konflikte, sondern Spielregeln, die einfach da sind. Es geht nicht darum, ob jemand etwas zu sagen hat, sondern ob er es im richtigen Moment auch tut. Wer schneller ist, wer lauter ist, wer sich nimmt, was er braucht, ist automatisch präsenter. Und viele Frauen sind genau da zurückhaltender, weil sie anders sozialisiert sind.
Dazu kommen Strukturen, die über Jahre gewachsen sind. Systeme, in denen Männer lange unter sich waren und in denen bestimmte Rollenbilder einfach normal geworden sind. Und was viele unterschätzen: Diese Systeme wirken nicht nur auf Männer, sondern auch auf Frauen.
Ich habe oft erlebt, dass Frauen Männer viel selbstverständlicher als Vorgesetzte akzeptieren als andere Frauen. Und wenn dann eine Frau in Führung kommt, hat sie plötzlich mit beiden Seiten zu tun. Mit Männern, die sie erst einordnen, und mit Frauen, die sie oft kritischer beobachten. Das macht es nicht einfacher. Und ja, es gibt auch diese Situationen, die man eigentlich nicht mehr erwarten würde.
Wenn junge Frauen von älteren Männern hören: „Du machst mich ganz nervös.“ Oder: „Gut, dass dich der Chef geschickt hat, dir höre ich gerne zu.“
Ich bin überzeugt, dass der Mann das nicht böse meint, aber es zeigt, was im Hintergrund noch mitschwingt. Und es ist wichtig zu verstehen, dass das mit den Frauen etwas macht. Mir ist aber auch wichtig zu sagen: Es hat sich viel verändert. Ich erlebe heute viele Unternehmen und viele männliche Führungskräfte, die deutlich weiter sind. Aber genau deshalb ist es wichtig, ehrlich hinzuschauen, nicht dramatisierend, aber auch nicht beschönigend. Denn diese Mechanismen verschwinden nicht von allein.
Ab wann wird „zu nett im Job“ tatsächlich zum Problem – und woran erkennt man, dass Anpassung die eigene Autorität untergräbt?
Cornelia Schlögl: Zu nett wird dann zum Problem, wenn Klarheit verloren geht. Wenn Dinge nicht ausgesprochen werden, obwohl sie wichtig wären. Wenn Entscheidungen weich formuliert werden, um niemanden zu irritieren. Oder wenn man mehr Energie darauf verwendet, gemocht zu werden, als wirksam zu sein. Das passiert oft schleichend.
Und irgendwann merkt man: Irgendwie geht nichts weiter und man wird nicht ernst genommen. Autorität entsteht durch Klarheit, Haltung und Verlässlichkeit, nicht durch Nettigkeit.
Was hilft Frauen konkret dabei, ihre Durchsetzungsfähigkeit im Job zu stärken, ohne künstlich hart oder unnatürlich dominant zu wirken?
Cornelia Schlögl: Ich glaube, viele Frauen gehen an das Thema Durchsetzungsfähigkeit von der falschen Seite heran. Sie überlegen sich, wie sie wirken müssen. Ob sie härter auftreten sollten, direkter sprechen oder sich mehr durchsetzen müssen. Und genau da beginnt oft schon die Verunsicherung.
Für mich beginnt das ganz woanders. Nicht im Außen, sondern innen. Durchsetzungsfähigkeit hat viel weniger mit Technik zu tun, als viele glauben. Sie hat mit innerer Haltung zu tun. Mit der Frage: Weiß ich, wer ich bin? Weiß ich, wofür ich stehe? Und bin ich bereit, das auch zu vertreten, selbst wenn es unbequem wird? Diese Fragen sollte sich jede Führungskraft, egal ob Frau oder Mann, stellen.
Und genau das ist der Punkt: Du musst nicht lauter oder härter werden. Du musst klarer in dir selbst werden. Härte und überzogene Dominanz entsteht häufig dort, wo jemand versucht, sich über Verhalten durchzusetzen, statt über Haltung. Durchsetzungsfähigkeit entsteht nicht durch perfekte Rhetorik oder durch einstudiertes Auftreten. Es entsteht, wenn du mit dir selbst verbunden bist und nicht mehr versuchst, jemand anderer zu sein. Wenn du weißt, was für dich nicht verhandelbar ist, verändert sich dein Auftreten automatisch. Deine Sätze werden klarer, deine Entscheidungen klarer und auch deine Grenzen.
Warum ist es für viele Frauen noch immer so schwierig, im Meeting ernst genommen zu werden, obwohl sie inhaltlich bestens vorbereitet sind?
Cornelia Schlögl: In den seltensten Fällen liegt es am Inhalt. Viele Frauen sind hervorragend vorbereitet, kennen ihre Themen und sehen Zusammenhänge sehr klar. Und trotzdem halten sie sich im entscheidenden Moment zurück. Was da passiert, ist oft sehr subtil.
Es ist dieser kurze innere Moment, in dem man abwägt:
Ist das jetzt klug, etwas zu sagen?
Wirke ich kompetent genug?
Stelle ich damit jemanden infrage?
Und genau in diesem Moment fällt die Entscheidung, meist unbewusst.
Sie will souverän wirken und stellt deshalb keine Frage. Sie will nicht anecken und widerspricht nicht. Sie will nichts Falsches sagen und bleibt lieber still.
Viele Frauen glauben, sie müssten erst perfekt sein, bevor sie sprechen dürfen. Während sie noch überlegen, haben andere längst gesprochen. Dazu kommt, dass viele ihre Aussagen unbewusst abschwächen. Sätze beginnen mit „Ich bin mir nicht sicher, aber …“ oder „Das ist nur eine kleine Anmerkung …“ oder “Entschuldigung, …. Meist fehlt es wirklich nur an der inneren Erlaubnis, den eigenen Gedanken auszusprechen.
Welche ersten Schritte empfehlen Sie Frauen, die sich beruflich stärker behaupten wollen, aber bisher zu oft überhört, unterbrochen oder weichgespült wurden?
Cornelia Schlögl: Der erste Schritt ist eine Entscheidung: Ich nehme mich selbst ernst.
Dann wird es konkret:
- Sprich früher im Meeting!
Nicht erst, wenn alles perfekt ist. Wer früh spricht, ist präsent. Wenn du dich am Anfang schwer damit tust, dann stelle eine Frage: “Was ist da genau gemeint…”, “Könntest du das noch einmal wiederholen…” - Streiche Abschwächer!
Kein „Ich bin mir nicht sicher“ oder „nur eine Idee“.
Sag, was du denkst. “Aus meiner Sicht ist es wichtig, dass …” - Achte auf deinen Körper!
Aufrecht, ruhig, präsent. Beide Füße fest auf dem Boden, Schultern nach hinten unten. Wirkung beginnt, bevor du sprichst. - Werde klar in dir selbst!
Wofür stehst du, was ist dir wichtig?
Wenn du diese Klarheit hast, dann wirkst du automatisch.
Mein wichtigster Tipp: Kenne deine Werte und handle danach!
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