Catriona Thalmann hat auf ihren ersten Mordfall gewartet. Was sie nicht erwartet hat: dass ausgerechnet dieser Einsatz ihr gesamtes bisheriges Leben infrage stellt. In „Cats Bestimmung“, dem Auftakt der Fantasy-Thriller-Reihe „Die Wächter von Sisong“, verbindet Lily Konrad einen Kriminalfall mit übersinnlichen Fähigkeiten, einer fremden Welt und einer gefährlichen Liebesgeschichte. Ein Roman für Leserinnen, die Spannung mögen, aber auf starke Figuren und Gefühle nicht verzichten wollen.
Es beginnt vergleichsweise bodenständig. Catriona Thalmann arbeitet als Kriminalbeamtin bei der Frankfurter Polizei und bekommt erstmals die Gelegenheit, in einer Mordkommission mitzuarbeiten. Ein wichtiger Schritt für die junge Ermittlerin – und zunächst sieht alles danach aus, als müsse sie sich vor allem in einer von Männern geprägten Umgebung beweisen.
Doch am Tatort geschieht etwas, das mit gewöhnlicher Polizeiarbeit nicht mehr viel zu tun hat. Cat hört plötzlich Gedanken. Menschen tauchen in ihrer Umgebung auf und verschwinden auf eine Weise, für die es keine vernünftige Erklärung zu geben scheint. Und auf der Tatwaffe befinden sich merkwürdige Schriftzeichen – mit einem zusätzlichen Problem: Offenbar kann außer Cat niemand diese Zeichen überhaupt wahrnehmen.
Aus einem Mordfall wird damit ziemlich schnell die Frage: Was stimmt hier eigentlich nicht – die Welt oder Cat selbst? Genau an diesem Punkt entwickelt „Cats Bestimmung“ seinen besonderen Reiz.
Inhaltsverzeichnis
Eine Kriminalkommissarin, die plötzlich ihrem eigenen Verstand nicht mehr trauen kann
Cat ist nicht als klassische Fantasyheldin angelegt, die bereits weiß, dass sie über besondere Kräfte verfügt und nur noch lernen muss, diese einzusetzen. Sie führt ein normales menschliches Leben.
Umso verstörender ist das, was mit ihr geschieht. Gedanken zu hören klingt zunächst nach einer beneidenswerten Fähigkeit. Im normalen Leben wäre es vermutlich eher ein Albtraum. Wo endet das eigene Denken? Was wollte ein anderer Mensch niemals aussprechen? Und wem kann man überhaupt noch vertrauen, wenn Gesagtes und Gedachtes nicht dasselbe sind?
Lily Konrad verbindet diese Irritation geschickt mit Cats beruflicher Situation. Gerade eine Ermittlerin lebt davon, Beobachtungen einzuordnen, Fakten voneinander zu trennen und aufgrund von Indizien rationale Schlüsse zu ziehen. Nun erlebt ausgerechnet sie Dinge, die sich rational nicht erklären lassen.
Die offizielle Beschreibung des Romans bringt den Konflikt auf einen einfachen Nenner: Je mehr Cat versteht, wer und was sie tatsächlich ist, desto gefährlicher wird ihre Situation. Denn hinter ihren Fähigkeiten steckt wesentlich mehr als eine ungewöhnliche Begabung.
Cat ist nicht die Frau, für die sie sich ihr ganzes Leben gehalten hat
Wer den zentralen Ausgangspunkt des Romans überhaupt nicht kennen möchte, sollte an dieser Stelle besser direkt weiterlesen – denn die Grundidee der Reihe lässt sich kaum erklären, ohne eines der frühen Geheimnisse vorwegzunehmen.
Cat muss erkennen, dass sie kein Mensch ist. Ihre eigentliche Herkunft liegt auf Sisong.
Der Planet wird von einem Volk bewohnt, das den Menschen äußerlich stark ähnelt, aber Fähigkeiten besitzt, die unsere Vorstellungskraft sprengen. Sisoner können unter anderem Gedanken lesen und sich allein mit Gedankenkraft von einem Ort zum anderen bewegen – sogar über enorme Entfernungen hinweg. Damit bekommt rückblickend vieles, was Cat an sich selbst nicht versteht, plötzlich einen Sinn.
Für sie macht diese Erkenntnis die Situation allerdings kaum einfacher. Denn nun lautet die Frage nicht mehr bloß, warum sie Gedanken hören kann.
Wer ist Catriona Thalmann überhaupt?
Welche Teile ihres bisherigen Lebens waren wirklich ihre eigene Geschichte? Warum lebte sie auf der Erde? Weshalb treten die Sisoner gerade jetzt mit ihr in Kontakt? Und warum scheint sie für dieses Volk eine außergewöhnliche Bedeutung zu besitzen?
Aus dem Polizeifall entwickelt sich so nach und nach eine wesentlich größere Geschichte um Identität, Herkunft und Cats Stellung zwischen zwei Welten.
Dabei verzichtet der Roman auf viele typische Science-Fiction-Klischees
Ein fremder Planet, Außerirdische und übernatürliche Fähigkeiten: Nach dieser Beschreibung könnte man bei „Cats Bestimmung“ einen klassischen Science-Fiction-Roman erwarten. Raumschiffe, Laserkanonen oder eine technisch überlegene Alienarmee, die plötzlich die Erde angreift, findet man hier nicht.
Die Sisoner leben vielmehr bereits seit rund zwei Jahrtausenden unerkannt unter den Menschen. Ihre außergewöhnlichen Möglichkeiten beruhen nicht auf futuristischen Maschinen, sondern auf ihren geistigen Fähigkeiten. Neben den Sisonern existiert mit den Iszeroniten außerdem ein zweites außerirdisches Volk. Deren Heimatplanet ist bereits untergegangen – und zwischen beiden Gruppen herrscht ein Konflikt um ihren Lebensraum auf der Erde.
Das verändert den Charakter des Buches erheblich.
„Cats Bestimmung“ ist deshalb weniger Weltraumabenteuer als Fantasy-Thriller in einer Welt, die unserer eigenen zunächst erstaunlich ähnlich sieht.
Und das macht den Einstieg angenehm niedrigschwellig. Frankfurt bleibt Frankfurt. Cat bleibt Polizistin. Menschen gehen ihrem Alltag nach. Nur Stück für Stück wird sichtbar, dass innerhalb dieser vertrauten Welt noch eine zweite Realität existiert.
Und dann ist da noch die Sache mit der Liebe
Ganz ohne Romanze kommt Lily Konrads Geschichte ebenfalls nicht aus. Während Cats Welt immer komplizierter wird, verliebt sie sich. Eigentlich wäre schon das genug Stoff für Verwicklungen. In ihrer Situation kommt allerdings eine wesentlich unangenehmere Frage hinzu:
Kann sie diesem Mann überhaupt vertrauen?
Die Verbindung zwischen beiden ist deshalb nicht lediglich eine romantische Nebenhandlung. Cats neue Fähigkeiten, die Ereignisse rund um den Mordfall und ihre unbekannte Herkunft lassen zunehmend Zweifel daran aufkommen, welche Menschen in ihrem Umfeld wirklich auf ihrer Seite stehen. Die offizielle Buchbeschreibung spielt bewusst mit genau diesem Verdacht: Möglicherweise verfolgt selbst der Mann, in den Cat sich verliebt hat, eigene Ziele.
Damit bedient der Roman drei Spannungsebenen gleichzeitig.
Da ist zunächst der Kriminalfall. Daneben steht das immer größer werdende Rätsel um Cats Identität. Und schließlich entwickelt sich die Frage, wem sie vertrauen kann. Gerade diese Mischung dürfte erklären, weshalb das Buch auch Leserinnen erreichen kann, die normalerweise nicht zuerst ins Fantasyregal greifen.
Thriller, Fantasy und Romance statt eindeutiger Genregrenzen
Die Leipziger Buchmesse beschreibt „Cats Bestimmung“ ausdrücklich als Verbindung aus Thriller und Fantasy mit Romance-Elementen. Das trifft den Charakter des Romans wesentlich besser als die Bezeichnung Science-Fiction.
Denn Lily Konrad baut keine abstrakte Zukunftswelt auf, für deren Verständnis erst seitenlange Erklärungen notwendig wären. Ausgangspunkt bleiben Menschen, Beziehungen, berufliche Konflikte, ein Mord und eine Frau, die verstehen möchte, was mit ihr geschieht. Erst dahinter öffnet sich die größere Welt von Sisong.
Das macht auch Cat zu einer interessanten Hauptfigur. Ihre Besonderheit besteht nicht darin, von Beginn an stärker als alle anderen zu sein. Interessanter ist der Kontrollverlust, den ihre Fähigkeiten zunächst auslösen.
Eine Frau, die beruflich darauf angewiesen ist, Situationen zu beherrschen, muss akzeptieren, dass sie nicht einmal die Wahrheit über sich selbst kennt.
Hinter dem Fantasy-Abenteuer steckt eine überraschend menschliche Frage
Natürlich wird kaum eine Leserin nach der letzten Seite ernsthaft überprüfen, ob ihr Heimatplanet vielleicht doch einige Lichtjahre von der Erde entfernt liegt. Cats Geschichte berührt trotzdem eine Erfahrung, die sehr real ist.
Man kann jahrelang überzeugt davon sein, sich selbst genau zu kennen – und irgendwann feststellen, dass dieses Bild unvollständig war.
Vielleicht durch einen neuen Menschen.
Vielleicht durch einen beruflichen Bruch.
Vielleicht durch eine Fähigkeit, die man sich selbst nie zugetraut hätte.
Oder schlicht durch die Erkenntnis, dass man nicht für immer die Frau bleiben muss, die man bisher gewesen ist.
Lily Konrad nennt diese Perspektive selbst einen wichtigen Bestandteil ihrer Bücher: Ihre weiblichen Figuren stehen bereits im Leben, wagen aber den Blick über das Bekannte hinaus. Veränderung wird dabei nicht als Zeichen des Scheiterns erzählt, sondern als Möglichkeit.
Bei „Cats Bestimmung“ entsteht dieses Thema allerdings aus der Handlung heraus – und genau das funktioniert besser, als es als Lebensweisheit über den Roman zu stellen.
Wer „Cats Bestimmung“ mögen dürfte
Das Buch dürfte besonders dann interessant sein, wenn eine Geschichte nicht sauber in eine einzige Genreschublade passen muss.
Wer Kriminalfälle mag, bekommt einen Mord als Ausgangspunkt. Wer Mystery und Fantasy liebt, darf gemeinsam mit Cat entdecken, welche zweite Welt hinter der vertrauten Wirklichkeit verborgen liegt. Wer Romance sucht, findet eine Liebesgeschichte, bei der Vertrauen keineswegs selbstverständlich ist. Und wer vor allem wegen guter Figuren liest, bekommt eine Protagonistin, deren größter Konflikt irgendwann nicht mehr darin besteht, einen Täter zu finden.
Cat muss herausfinden, wer sie selbst ist.
Auch die Resonanz der Leserinnen und Leser fällt bemerkenswert positiv aus: Bei LovelyBooks wird der Roman derzeit mit 4,6 von 5 Sternen bei 44 Bewertungen geführt. 29 der dort erfassten Bewertungen vergeben fünf Sterne, weitere zwölf vier Sterne.
Mit „Cats Bestimmung“ beginnt eine deutlich größere Geschichte
Wichtig ist außerdem: Der Roman steht nicht allein.
„Cats Bestimmung“ eröffnet die Reihe „Die Wächter von Sisong“, die mittlerweile aus sechs Hauptbänden besteht. Auf den Auftakt folgen „Matteos Lied“, „Craigs Geständnis“, „Hunters Zorn“, „Warrens verlorene Liebe“ und „Rods Entscheidung“.
Die Welt, die Cat im ersten Band gerade erst entdeckt, wird damit später deutlich größer. Andere Figuren treten in den Vordergrund, Beziehungen entwickeln sich weiter und der Konflikt zwischen den verschiedenen Völkern gewinnt an Bedeutung.
Für neue Leserinnen ist die Reihenfolge trotzdem eindeutig: Man sollte mit Cat beginnen.
Denn „Cats Bestimmung“ erzählt genau jenen Moment, in dem sich erstmals ein Spalt in der scheinbar normalen Welt öffnet.
Vor allem aber liefert Lily Konrad damit einen guten Grund, nach der letzten Seite wissen zu wollen, wie groß diese andere Welt tatsächlich noch wird.
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